„Wieder in den Mittelpunkt“

Offenbach – Was vor etwa 25 Jahren als kleines Treffen begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einer festen Institution entwickelt. Zum 25. Mal kamen in diesem Jahr über 100 Akteure aus Handwerk, Wirtschaft, Politik und Verbänden aus Stadt und Kreis Offenbach im Haus des Handwerks zusammen, um sich auszutauschen, zu vernetzen und bei einem herzhaften Frühstück gemeinsam Perspektiven für die Branche zu entwickeln.

Kreishandwerkmeister Dennis Kern eröffnet die Veranstaltung und spricht über die zentralen Probleme des Handwerks in der Region. „Wir werden zunehmend ausgebremst“, sagt er und bezieht sich dabei auf die Erreichbarkeit der Arbeitsstätten. „Wer morgens eine Stunde zur Arbeit braucht, der hat den ersten Arbeitstag schon hinter sich, wenn er an der Baustelle ankommt“, sagt Kern und findet rege Zustimmung bei den Kollegen im Raum.

Steigende Kosten, sinkende Kapazitäten

Auch die steuerliche Belastung der Unternehmer im Handwerk sei unzumutbar, und „die hohen Lohnnebenkosten machen Neuanstellungen schwer“, macht Kern deutlich. Dabei würden Fachkräfte dringend gebraucht, und die Leistung von ehrlich arbeitenden Handwerkern sollte nicht mit höheren Steuern bestraft werden.

Kerns Kollege vom Handwerk Frankfurt Rhein-Main, Ludwig Held, stimmt zu. Er wünscht sich wieder mehr Vertrauen ineinander. Der zentrale Redner und Gast beim Handwerkerfrühstück ist Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler Deutschland. Sein Thema: finanz- und steuerpolitische Herausforderungen und Chancen nach der Bundestagswahl. Wie viel bleibt dem Steuerzahler von einem Euro, wenn alle Abgaben abgezogen sind? Holznagel kennt die Antwort: ganze 47 Cent.

Als „weltklasse“ bezeichnet er ironisch dieses Verhältnis. „In diesem Steuersystem lohnt sich Arbeit nicht“, resümiert der 49-Jährige. Das müsse sich dringend ändern. Er findet, das Geld soll bei den Bürgern und Unternehmern bleiben, sodass gezielt vor Ort Missstände behoben werden können.

Die Steuerreform ist ein Thema, das viele Arbeitnehmer und Unternehmer täglich beschäftigt. Auch Kern erwähnt, dass gerade in den kleinen und mittleren Betrieben, wie oft im Handwerk üblich, die Bürokratie viel Zeit und Geld in Anspruch nehme. „So arbeitet man am Ende wenig mit den Händen, sondern sitzt einfach sehr viel am Schreibtisch“, sagt der Kreishandwerksmeister.

Auch Christoph Riess, Geschäftsführer der Handwerkskammer, stimmt zu: „Die Einkommensteuer ist ein tägliches Problem für uns, genauso wie der Fachkräftemangel“, berichtet er.

Handwerk im Mittelpunkt

Leute zu finden, die bereit sind, auch nach dem Feierabend nochmal eine halbe Stunde länger zu bleiben und etwas fertig zu stellen, sei schwierig. „Dabei sind das aber genau die Leute, die wir brauchen. Man fährt ja nicht am nächsten Tag nochmal zum Kunden.“ Das Handwerk insgesamt wieder attraktiver zu machen, die Anziehungskraft des Handwerks gerade für junge Leute zu verstärken, sei essenziell.

„Wir müssen anfangen, das Handwerk wieder als eine Karriere sehen, die mit jedem Studienabschluss mithalten kann“, fordert Kern und erhält dafür Beifall aus dem Publikum. Gastredner Holznagel stimmt ihm zu: „Das Handwerk muss vom Rand wieder in den Mittelpunkt getragen werden“, das sei eine große Aufgabe für die Beteiligten der Handwerkerschaft.

Quelle: Offenbach Post LARA JÖRGENS